Wie stehen Produktdesign und Architektur zueinander in Beziehung? Ein Gespräch unter vier Augen mit Mike Holland

Kategorie: Aktualiät
Datum: 03 dic 2014

Mike Holland leitet das Industriedesignerteam bei Foster + Partners, einem international renommierten Architektur- und Designbüro, das von Norman Foster geleitet wird.

Zu den Projekten des Industriedesignerteams, häufig in enger Zusammenarbeit mit den Architekturbüros, gehören die Innenausstattung und maßgefertigte Einrichtung für die Cathay Pacific Lounges am internationalen Flughafen Hong Kong, der Entwurf von Flughafenbestuhlung für Vitra sowie von Möbeln für Knoll, Molteni und Alessi.

Mit Hauptsitz in London und weltweit vernetzten Studios hat Foster + Partners 675 Auszeichnungen für herausragende Leistungen bekommen und 120 nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen. Das Studio ist gegenwertig mit dem Renovierungsprojekt des kultigen Verkaufsraums der Porcelanosa-Gruppe in Manhattan beauftragt.

Noken hatte die Gelegenheit, sich mit Mike Holland unter vier Augen über das enge Verhältnis zwischen Architektur und Produktdesign zu unterhalten.

[caption id="attachment_380" align="aligncenter" width="576"]Foster + Partners Design Studio Foster + Partners Design Studio[/caption]

Wie stehen Architektur und Produktdesign zueinander in Beziehung?

Das Studio hat einen integrierten Designansatz, wodurch auf das Fachwissen vieler Expertenteams, von der Konstruktion bis zur Innenausstattung, zurückgegriffen wird, und Industriedesign ist ein wichtiger Teil davon. Produkte können einem bestimmten Projekt entsprechend gestaltet werden, in dem neue Lösungen für anspruchsvolle Anforderungen erforderlich sind – in manchen Fällen haben sich diese Lösungen über das Projekt hinaus in Produkte verwandelt, die im Handel erhältlich sind. Unsere Industriedesigner arbeiten auch unabhängig, entweder direkt von Herstellern beauftragt, oder sie entwickeln selbstinitiierte Produkte, die aus interner Forschung und Entwicklung entstehen.

[caption id="attachment_379" align="aligncenter" width="583"]Foster + Partners Design Studio Foster + Partners Design Studio[/caption]

Geht es bei der Architektur darum, Gebäudeleistung zu erzielen und beim Produktdesign Produktleistung? Wie würden Sie beide Leistungsanforderungen miteinander vergleichen?

Der Gestaltungsprozess ist ein kontinuierlicher Verfeinerungsprozess, der sowohl Leistung als auch Ästhetik synthetisiert. Er ist wie das Töpfern an der Drehscheibe, bei dem das Gefäß unmittelbar verformt wird. Dieses muss natürlich gut aussehen, aber es muss auch eine Funktion erfüllten; und ob es sich nun um ein Gebäude oder ein Produkt handelt, es muss "mit weniger mehr erreichen".

Würden Sie sagen, dass die Suche nach dem Zusammenhang zwischen Behältnis und Inhalt der Antrieb für Architekturbüros ist, Produktdesigner zu werden?

Unsere Arbeit wurde immer von der Vorstellung geleitet, dass die Qualität der Architektur durch den Entwurf der vielen einzelnen Teile, die sich zu einem Ganzen verbinden, verbessert werden kann. Unsere ersten Schritte in Richtung Produktdesign im Jahr 1978 fanden indessen aus Notwendigkeit statt. Zu jener Zeit expandierte das Büro rasch, aber es war unmöglich, auf dem Markt Möbel zu finden, die seinen Bedürfnissen gerecht wurde, zum Beispiel Tische, die für Sitzungen, zum Zeichnen oder als Präsentationstisch angepasst werden konnten. Das Studio löste das Problem, indem es sein eigenes System entwickelte. Dies wurde für Renault weiterentwickelt und stellte die Grundlage für den von Tecno hergestellten Nomos-Tisch dar, der eine Rückkehr zu den Grundlagen darstellt, wie ein Tisch genutzt wird. Hierauf folgende Aufträge für Straßenmobiliar, Türgriffe und sogar ein Windrad haben den Aufbau eines Industriedesignerteam ermöglicht, das an allem arbeitet, von Gebäudeteilen bis hin zu Verbrauchsartikeln.

Wie würden Sie Produktarchitektur beschreiben?

Gutes Produktdesign beruht auf umfassender Forschung und Beobachtung – Fragen stellen und verstehen, worum es in dem Projekt geht. In diesem Sinn ist unsere Vorgehensweise bei Produkten wie Architektur im Miniaturformat. Unsere Arbeit umfasst viel Experimentieren, was beim Erproben neuer Materialien und Techniken sowie beim Austausch von Kenntnissen innerhalb einer breiteren Anwendung besonders nützlich ist. Da wir ein großes, engagiertes Industriedesignerteam haben, sind wir dazu in der Lage, vollkommen maßgeschneiderte Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln, wo jedes Detail ihren Bedürfnissen genauestens angepasst wird.

Welche Ziele haben Sie?

Obwohl es hinsichtlich neuer Projekte und Aufträge viele neue Möglichkeiten zu erforschen gibt, ist es eines unserer Hauptziele, die Zusammenarbeit innerhalb des Büros zu vertiefen. Da Foster + Partners eine vollkommen integrierte Geschäftsmethode hat, arbeitet unser Team eng mit Innendesignern, Ingenieuren, Materialforschern und vielen anderen Facharbeitern zusammen. Dadurch sind wir sehr flexibel und haben eine einzigartige Vielfalt an Ressourcen: Wir können beispielsweise mit unserem Beratungsdienst am Arbeitsplatz zusammenarbeiten, um sein Verständnis vom Büro der Zukunft umzusetzen. Wir können mit unseren Nachhaltigkeitsingenieuren und Materialforschern arbeiten, um umweltschonende Möbel zu entwickeln; oder wir können erfahrene Flughafenarchitekten bei der Gestaltung eines neuen Flugzeugsitzes oder der Innenausstattung eines Privatjets um Rat bitten. Wir haben vor, in Zukunft diese Zusammenarbeit zu vertiefen, zu wachsen und das Fachwissen des Teams anzuwenden sowie weiterhin innovativ zu sein.

 

[caption id="attachment_381" align="aligncenter" width="576"]Foster + Partners Design Studio Foster + Partners Design Studio[/caption]

Wie würden Sie die zugrunde liegende Philosophie des Produktdesigns von Foster + Partners erklären?

Ganzheitlich und umfassend. Die Überlegung hinter einem Entwurf beschränkt sich nicht darauf, wie es funktioniert oder aussieht, wir analysieren, wie ein Produkt festgelegt, hergestellt, transportiert, eingebaut und gehandhabt wird. Genau wie die Architekten, die sich mit jeder Phase des Prozesses beschäftigen – von den ersten Konzeptionen, über die Fertigstellung vor Ort bis hin zum Anschauen des Gebäudes – sind auch Produktdesigner: Wir arbeiten den gesamten Designzyklus durch, indem wir Modelle und Prototypen erstellen, den Betrieb, in dem unsere Produkte hergestellt werden, besuchen und darauf achten, wie sie verwendet werden, um zu sehen, ob wir ein Konzept weiterentwickeln können.

Lässt Produktdesign mehr erfinderische Kreativität zu?

Es gibt Einfälle, die wir in kleinem Maßstab ausprobieren können, was bei einem Gebäude nicht umsetzbar wäre – obgleich das Foster-Büro für Innovation berühmt ist und dafür, Wegbereiter für eine neue Art, Gebäude auch in großem Maßstab zu entwerfen und zu bauen. Gutes Design ist immer eine Herausforderung. Architektur inspiriert Produkte und Produkte sind ihrerseits ein untrennbarer Bestandteil von Architektur. Die kleinsten Details des Alltags, von der Form eines Türgriffs zu den ergonomischen Eigenschaften einer Tischlampe, gelten häufig als selbstverständlich, aber es sind diese kleinen Elemente, mit denen wir den meisten direkten Kontakt haben.

[caption id="attachment_384" align="aligncenter" width="576"]Foster + Partners Design Studio Foster + Partners Design Studio[/caption]

Was inspiriert Sie?

Ich habe Spaß daran zu beobachten, wie Menschen mit Gegenständen und den Räumen, die sie umgeben, interagieren, und zu sehen, welchen Bedürfnissen ein bestimmtes Produkt oder Möbelstück gerecht werden kann, wie wir also das Leben der Menschen sogar in den kleinsten Details verbessern können. Dieser Gedanke war zentral beim Solus-Stuhl, den wir für die Cathay Pacific Airline Lounges in Hong Kong entworfen haben: Wir sahen, wie die Leute Laptops auf ihren Knien oder auf der Armlehne eines Stuhls im Gleichgewicht hielten, und in die neue Lounge-Einrichtung haben wir einen kleinen Tisch, Sitz und Kleiderhaken in einer einzelnen halbprivaten Einfassung aufgenommen. Ebenso inspiriert mich intuitives Design, wenn ein Gegenstand leicht zu bedienen ist und schnell nachvollzogen werden kann, so wie unsere FLO-Lampe für Lumina, die eine sehr schlichte, klare Form ohne äußere Knöpfe oder Kabel hat.